Eröffnung der Themenwoche 13: Narzissmus und digitale Wunschbilder – Persönlichkeitsbildung im Netz

Veröffentlicht am von fjroell

Das Funkkolleg Wirklichkeit 2.0 – Medienkultur feiert heute das Bergfest. Die erste Hälfte des Funkkollegs ist gesendet, durch Zusatzmaterialien erweitert, durch Moderation, Kommentare und Beiträge im Kursblock, bei Facebook und Twitter dem interaktiven Dialog geöffnet. Wer ein Zertifikat erwerben möchte, muss sich bei der Online-Klausur, die sich mit den ersten 12 Themen des Funkkollegs beschäftigt, beteiligen. Das geht noch bis zum 18.02. Wer die Online-Klausur besteht, kann an der Präsenzklausur am 8. Juni teilnehmen, die dezentral in mehreren hessischen Volkshochschulen durchgeführt wird. Alles zur Anmeldung und weitere Informationen sind auf der Homepage des Funkkollegs unter www.funkkolleg-medien.de unter der Rubrik Zertifikat zu finden.

Mit der 13. Sendung wechselt das Moderatorenteam. Für die nächsten sechs Sendungen werden Jennifer Kreß (Hochschule Darmstadt), Jochen Pelzer (Universität Frankfurt) und Franz Josef Röll (Hochschule Darmstadt) die Moderation des Kursblocks übernehmen.

Im Alltagsverständnis ist der Begriff „Narzissmus“ negativ besetzt, verbunden wird er mit Selbstsüchtigkeit, Arroganz und Eitelkeit. Ein Narzist bezieht sich nach diesem Verständnis nur auf sich und ignoriert die Bedürfnisse und Interessen anderer. In der Psychoanalyse gilt der Narzissmus als Verlagerung der Libido vom Objekt auf das Selbst. Heinz Kohut wiederum sieht im Narzissmus eine wichtige Funktion, um (auch im Erwachsenenalter) das Selbst als psychische Struktur zu stabilisieren. In der Sendung wird an vielen Beispielen aufgezeigt, wie sich „narzisstische“ Darstellungen im Internet abbilden.

Knapp 60 % von befragten Studenten im Rahmen einer amerikanischen Studie stimmten der Aussage zu, dass das Internet zur Selbstvermarktung, Suche nach Aufmerksamkeit und aus narzisstischen Gründen genutzt wird. Der verblüffende Erfolg der „Unboxing-Videos“ (das Auspacken und Kommentieren von gekauften Objekten) scheint im ersten Moment dieses Forschungsergebnis zu bestätigten. Diese Videos können verdeutlichen, dass sich jemand inszenieren will, unklar bleibt jedoch, weshalb eine Vielzahl von Zuschauern sich diese Videos anschaut. Was halten Sie von der These, dass das Internet ein Laboratorium von Selbst-Darstellern ist, das seine Entwicklungspotentiale nicht im sozialen Dialog mit anderen ausbildet, sondern in einem Dialog mit sich selbst? Gibt es Phänomene im Internet, die Kohuts Verständnis von Narzissmus, Handeln im Netz als Suchbewegung der Stabilisierung des Selbst zu verstehen, bestätigen?

Persönlichkeitsbildung ist der zweite wichtige Begriff, der in der Sendung thematisiert wird. Unter „Persönlichkeit“ werden im Allgemeinen psychischen Eigenschaften von Individuen verstanden. Immanuel Kant definiert Persönlichkeit als das Vermögen eines Menschen, mit Hilfe der Vernunft die Möglichkeit zur freien sittlichen Selbstbestimmung zu entfalten. Die Soziologie geht von der Überzeugung aus, dass die Eigenschaften von Persönlichkeiten sich im Spannungsverhältnis von Anlage- und Umweltbedingungen entwickeln. In der Sendung wird die Persönlichkeitsentwicklung unter Maßgabe der Umweltbedingung „Internet“ thematisiert.

Aufgezeigt wird, wie das Soziale Internet zum Protokoll des eigenen Lebens wird (Livestream, Quantified Self oder Lifelogging-Bewegung), wie mit anziehbaren Elektronikprodukten (Behavior Engineering, Wearable Technologien) reale mit virtuellen Erfahrungsebenen vermischt werden, die Trennung von Online und Offline sich auflöst und es zu einer Verschmelzung des technologischen und sozialen Raums kommt. Welchen Einfluss können derartige Entwicklungen für die „Selbstbestimmung“ des Menschen haben? Wird diese Entwicklung unsere Erkenntnispotentiale erweitern, werden wir durch die Aufhebung der Schnittstelle Technik und Person unsere Persönlichkeit entfalten können oder werden wir an die Logik des Stands der jeweiligen Technologie angepasst?

Der Sog zur Selbstdarstellung wird auch durch den flexiblen Kapitalismus gefördert. Neben den Bedürfnissen des Einzelnen (betrifft auch Institutionen), sich im virtuellen Leben abzubilden, ergibt sich sogleich die Notwendigkeit, sich in einer Wiese zu präsentieren, dass man mit den eigenen Kompetenzen im  Internet gefunden wird. Ausgehend von dieser Notwendigkeit haben sich, wie in der Sendung aufgezeigt wird, Social-Marketing-Dienste und Social Scoring positioniert. Sollte man sich diesen Entwicklungen verweigern oder sollte bzw. muss man sie strategisch nutzen?

Es gibt viele Ansatzpunkte zum Dialog und zur kritischen Auseinandersetzung.

Wir freuen uns auf Ihre Reaktionen,

Ihre Moderatoren Jennifer Kreß, Jürgen Pelzer und Franz Josef Röll.

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Eine Antwort auf Eröffnung der Themenwoche 13: Narzissmus und digitale Wunschbilder – Persönlichkeitsbildung im Netz

  1. JKress sagt:

    Das Phänomen „Social Scoring“ nimmt marktförmige Auswüchse an. Wie sehen Sie diese Entwicklung? Wie schätzen Sie die Reichweite ein? Haben Sie selbst bereits Erfahrungen mit diesem „Online-Punkte-System“ gemacht?

    http://funkkolleg-medien.de/themen/13-narzissmus/zusatzmaterial-zum-thema-13/#scoring

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