Eröffnung der Themenwoche 19 – Schwarmintelligenz

Veröffentlicht am von Moderation Onlinekurs

Heute eröffnen wir den letzten Themenblock des hr2-Funkkollegs Medien „Vom Glück der großen Zahl“.

Wir möchten uns an dieser Stelle zunächst beim Moderationsteam des letzten Blocks Jennifer Kress, Jochen Pelzer und Franz Josef Röll bedanken, die Moderation des Online-Kurses übernehmen für die letzten fünf Themen Redakteure des Hessischen Rundfunks.

Kommentare können Sie wie gewohnt über die Kommentarfunktion des Blogs (siehe unten), Twitter (#fkmedien) und Facebook absenden. Wir freuen uns auf Ihre Anregungen.

In dieser Woche begleitet der Wissenschaftsredakteur Dr. Karl-Heinz Wellmann, hr2-kultur, den Onlinekurs.

 

Schwarmintelligenz  – Formen der digitalen Wissensorganisation

Am 15. Januar 2001 wurde in den USA auf einem Computer ein sogenanntes Wiki freigeschaltet: ein relativ kleines Datenbank-Programm also, das für jeden Internetnutzer frei zugänglich war. Und vor allem: Jeder konnte dort auch Texte ablegen. Die Adresse lautete: wikipedia.com. Inzwischen ist die Anzahl dieser Texte allein in deutscher Sprache auf mehr als 1,5 Millionen angewachsen, und noch immer kommen Monat für Monat an die 10.000 neue Artikel hinzu.

Als die Wikipedia Anfang 2001 ins Leben gerufen wurde, konnte keiner ihrer Gründer ahnen, dass sie eines Tages zum Marktführer unter den Nachschlagewerken aufsteigen würde. Seit Jahren schon rangiert die Wikipedia auf Platz sechs, sieben oder acht der weltweit am häufigsten aufgerufenen Websites. Wegen des Erfolgs der Wikipedia haben sich die Herausgeber der altehrwürdigen Encyclopædia Britannica nach 244 Jahren genötigt gesehen, künftig keine gedruckte Fassung mehr zu publizieren, Anfang 2012 war das. Aber bereits Ende 2005 hatte die renommierte britische Fachzeitschrift „Nature“ der „Britannica“ – bildlich gesprochen – eine Lanze ins Herz gestoßen: „Nature“ hatte damals die Qualität von 42 Artikeln der „Britannica“ mit denen der Wikipedia verglichen. Mit dem Ergebnis, dass man in der Stichprobe nur wenige Unterschiede hat ausmachen können: beide waren vergleichbar korrekt und vollständig.

Die Wikipedia ist inzwischen aber nicht nur die weltweit beliebteste Online-Enzyklopädie. Sie ist auch ein hochgradig attraktives Forschungsobjekt, ein Forschungsgegenstand für Sozialwissenschaftler. In Hildesheim gab es beispielsweise ein Forschungsprojekt zur „Generation 60plus im Internet“. In Koblenz wurden die „Schreibprozesse in der Wikipedia“ linguistisch analysiert. In Heidelberg wurde ein Semester lang eine Vorlesung gehalten über das Thema „Der Alte Orient in der Wikipedia.“ Und auch einige Informatiker haben Wikipedia als Forschungsfeld für sich erschlossen.

In der Sendung zu Wort kommen unter anderem Dr. Thomas Roessing vom Institut für Publizistik der Universität Mainz und Dr. Christian Stegbauer vom Institut für Gesellschafts- und Politikforschung der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

Christian Stegbauer hat beispielsweise Folgendes beobachtet:

„Mit dem Wachstum der Wikipedia – damit hat ja zunächst keiner gerechnet – ist es verbunden, dass es zu einer Arbeitsteilung kommt. Es macht nicht mehr jeder alles. Es gibt Leute, die sind für die Verbindung zur Presse zuständig. Es gibt Leute, die machen nur Streitschlichtung. Es gibt andere, die sind für die Vandalismus-Bekämpfung zuständig. Es gibt Mentoren, die führen Neulinge ein. Es gibt Spezialautoren. Es gibt andere, die beantworten nur Anfragen, die per E-Mail an Wikipedia kommen. Das ist eine Entwicklung, die lässt sich gar nicht aufhalten. Mit dem Wachstum, mit der Anzahl der Artikel, mit den Verwaltungsaufgaben muss es zu so etwas wie einer Arbeitsteilung kommen. Und gleichzeitig entsteht dadurch eine Expertise bei diesen verschiedenen Teilnehmern, bei den verschiedenen Positionen, die diese Positionen für Neulinge nicht mehr so leicht erreichbar machen. Man muss lange mitarbeiten, um dort hin zu kommen, was die über die Jahre erlebt und erfahren haben.“

Wenn die Wikipedia ein kommerzielles Unternehmen wäre, müssten dort jetzt die Alarmglocken läuten. Die Analysen von Christian Stegbauer weisen nämlich auf einen für die Zukunft der Wikipedia durchaus gefährlichen Trend hin: Es wird immer schwieriger, als Anfänger in der Wikipedia Fuß zu fassen. Untergräbt also gerade der bisherige Erfolg der wikipedianischen Schwarmintelligenz die Zukunft der Wikipedia?

Zur Sendung 19 sind auch wieder umfangreiche Zusatzmaterialien in unserem Themenbereich erhältlich.

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