Zusatzmaterial zum Thema 19

Schwarmintelligenz

Hier finden Sie Zusatzmaterialien zur 19. Sendung.

Die Zusatzmaterialien sind:

1. Für interessierte Hörerinnen und Hörer als vertiefende Informationen zu den Themen der einzelnen Sendungen.

2. Für Multiplikatoren/Lehrkräfte. Sie finden bei jedem Zusatzmaterial einen Bezug zum Manuskript und der Zeitmarkierung (01:20 gelesen: Start der Sequenz bei 1 Minute 20 Sekunden), damit Sie direkt zum Thema im Beitrag gelangen können. Die Zugangsdaten für die Sendemanuskripte werden den Multiplikatoren per Mail mitgeteilt.

Die Materialien wurden zusammengetragen vom Seminar, Prof. Dr. Franz Josef Röll, Hochschule Darmstadt, Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und soziale Arbeit.

Die Materialien wurden zum Zugriffszeitpunkt 12.04.2013 erstellt.

Alle Zusatzmaterialien für das 19. Thema können Sie hier als PDF herunterladen.  pdflogo


 

Übersicht

Schwarmintelligenz

Wissensorganisation

Enzyklopädie

Brockhaus

Wikipedia

In der Sendung erwähnte Studie: Christian Stegbauer: Wikipedia: Das Rätsel der Kooperation

Glossar

Interviewte Personen


Schwarmintelligenz

Bezug zum Manuskript/Audio: S. 17 / 18:44

Ende der 1960er Jahre plante die Universität von Oregon eine Umgestaltung des Campus. Der Wiener Architekt Christopher Alexander ließ das Gelände planieren und Rasen säen. Man teerte an den Stellen, wo das Gras heruntergetrampelt war neue Wege. Dieses als „Desire Lines“ bezeichnete Verfahren brachte das effizienteste Wegenetz hervor. Die Wege hätten von keinem einzelnen Landschaftsgestalter exakter angelegt werden können. Der Schlüssel  zum Verständnis der Schwarmintelligenz liegt in diesem Origon Experiment (http://byrd.de/index.php?id=703).

Der Begriff „Schwarmintelligenz“ wurde von Gerardo Beni und Jung Wang 1989 im Kontext der Robotikforschung geprägt. Später wurde er zum Mode-Schlagwort, um die beim kollaborativen Schreiben (Wiki, Etherpad), dem gemeinsamen Entwickeln von Anwendungen (Open Source-Bewegung) und/oder die sich bei gemeinsamen Produktionen aktualisierende „kollektive Intelligenz“ zu beschreiben. Diese besonderen Fähigkeiten von Gruppen werden auch Schwarmintelligenz genannt. Schwarmintelligenz beschreibt somit das ergebnisorientierte Zusammenspiel einer Gruppe. Die Kommunikation von Individuen können intelligente Verhaltensweisen  sowie neue und bisher nicht bekannte Qualitäten bei sozialen Gemeinschaften hervorrufen. Schwarmintelligenz entsteht nicht zwangsläufig, notwendig erscheint eine geeignete Koordination von Einzelleistung und Gruppenverhalten. Aus unterschiedlicher wissenschaftlicher Perspektive (Naturwissenschaft, Systemtheorie, Soziologie und Informatik) wird dieses Phänomen beschrieben.

  • Die Naturwissenschaften verwenden den Begriff „Superorganismus“ für „kollektive Intelligenz“. Der Begriff geht auf den amerikanischen Biologen William Morton Wheeler zurück, der lebende Gemeinschaften, bei denen die Fähigkeiten der Gemeinschaft über die der Individuen hinausgehen, als „Superorganismus“ bezeichnete. Ein Beispiel aus der Natur, das das Potential gemeinsamer Fähigkeiten oder Eigenschaften entwickelt, ist für ihn der Ameisenstaat.
  • Die Systemtheorie bezieht sich ebenfalls auf den Begriff „Superorganismus“. Die Gesellschaft wird als vielzelliger Organismus definiert, wobei die Individuen die Zellen bilden. Das Internet wird als Informationsinfrastruktur angesehen. Die im Netzwerk entstehenden Prozesse, Produkte und Kommunikationsformen werden als Aggregierung menschlicher Intelligenz angesehen.
  • Die Soziologie versteht unter kollektiver Intelligenz eine konsensbasierte Entscheidungsfindung. Dezentral verstreutes Wissen von Menschen kann durch das Internet im Vergleich zu früher einfacher und schneller koordiniert und dadurch besser genutzt werden.
  • Die Informatik benutzt anstelle des Schwarmbegriffs den Begriff „Künstliche Intelligenz“ bzw. „Verteilte Künstliche Intelligenz (VKI)“. Komplexe vernetzte Softwareagentensysteme werden nach dem Modell von Vogelschwärmen und/oder Insekten modelliert. Mit Hilfe der Kooperation künstlicher Agenten kann man aus Sicht der Informatik höhere kognitive Leistungen simulieren.

https://www.youtube.com/watch?v=R3Eu5NlxZwk

Quellen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Kollektive_Intelligenz

http://www.spiegel.de/netzwelt/web/sascha-lobo-missverstaendnis-schwarmintelligenz-a-891986.html


 

Wissensorganisation

Ergänzender Beitrag zur Sendung

Die Methoden und Systeme zur Generierung und Organisation von Informationen werden als Wissensorganisation bezeichnet. Wissensorganisation dient somit dem Wiederauffinden von Information. Wissensorganisation lässt sich unterteilen in Informations- und Wissensmanagement. Hierbei geht es vor allem um das Sammeln, Erschließen, Ordnen und Verfügbarmachen von Wissen. Während die Wissensrepräsentation sich mit der Abbildung von Wissen beschäftigt, geht es bei der Wissensorganisation um die Erschließung und Ordnung bestehender Wissensbestände. Differenziert wird in inhaltliche (Inhaltsangabe, Inhaltsverzeichnisse, Rezension, Abstracts, Annotation, Thesauri, Register) und formale Erschließung (Auto, Titel, etc.). Wichtige Formen der Wissensorganisation sind Indexieren, Klassifizieren, Zusammenfassen, Anordnen und Benennen.

  • Wissensorganisation macht auf Informationen aufmerksam,
  • Wissensorganisatin dient dem Zugriff auf Text-, Ton- und Bilddokumente,
  • Wissensorganisation beinhaltet kondensierte Inhaltsbeschreibungen,
  • Wissensorganisation präsentiert Informationen und Zugriffe auf Informationen,
  • Wissensorganisationen können auf Informationen aufmerksam machen (Social-Tagging-Systeme wie del.icio.us).

Wenn jemand vorhandenes Wissen in Wikipedia organisiert, damit andere einen schnellen Zugriff haben, handelt es sich um eine Form von Wissensorganisation. Wenn jemand sich als Autor/Nutzer/User bei Wikipedia aktiv beteiligt, handelt es sich um Wissensgenerierung und/oder Wissensproduktion. Bei der Sendung wird Letzteres diskutiert und reflektiert.

Quellen:

http://www.bui.haw-hamburg.de/pers/ursula.schulz/worg1/le-1.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Wissensorganisation


 

 

Enzyklopädie

Bezug zur Sendung/Audio: S. 2, S. 4, S. 5, S. 8, S. 10, S. 11, S. 16, S. 20 / 00:30, 01:32, 04:17, 05:46, 08:05, 10:50, 12:19, 17:15, 22:47

Der Begriff ist dem Lateinischen „encyclopaedia“, das “Grundlehre aller Wissenschaften und Künste” bedeutet, entlehnt. Die Griechen bezeichneten „ἐγκύκλιος παιδεία“ als den “Kreis der Bildung”.

Eine Enzyklopädie ist eine schriftliche und komplexe Darstellung des gesamten Wissens oder des Wissens von einem Fachgebiet in alphabetischer oder systematischer Anordnung. Im heutigen Sinne versteht man unter „Enzyklopädie“ ein umfangreiches Nachschlagewerk, der Begriff ist daher nicht mehr klar zu trennen vom Begriff „Lexikon”. Der Begriff „Konversationslexikon“ wurde im 19. Jahrhundert synonym für Enzyklopädie verwendet. Abzugrenzen ist eine Enzyklopädie vom „Wörterbuch“, das „nur“ Informationen über die sprachliche Bedeutung eines Begriffes enthält. Das älteste noch erscheinende Nachschlagewerk, die Encyclopaedia Britannica, wurde 1768 begründet.

Eines der bekanntesten Beispiele im deutschsprachigen Raum ist die Brockhaus Enzyklopädie, bestehend aus 30 Bänden (ab 1808). Hier wird der Begriff “Enzyklopädie” ausgehend von dessen Gleichsetzung mit Bildung in der Antike bis hin zu einer Anwendung auf digitale Produktformen in der heutigen Zeit erklärt.

Die bekannteste freie Enzyklopädie im Internet ist Wikipedia (2001).

Quellen:

http://www.lexikadienst.com/html/enzyklopadie.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Enzyklop%C3%A4die

http://www.duden.de/rechtschreibung/Enzyklopaedie


 

Brockhaus

Bezug zum Manuskript/Audio: S. 3 / 01:57, 02:24

Brockhaus

Bildquelle: http://brockhaus.de/

Die „Brockhaus-Enzyklopädie“, die vom Verlag Wissen Media (Bertelsmann Konzern) herausgegeben wird, gilt als das umfangreichste und auch bedeutendste deutschsprachige Nachschlagewerk für das Wissen der Welt. Seine Anfänge sind bis ins 18. Jahrhundert zurück zu führen. Im Verlauf der unterschiedlichen Auflagen gab es mindestens sechs und maximal 32 Bände.

1868 wird die Zielsetzung des Werkes wie folgt beschrieben:

„Das Conversations-Lexikon [hat] die Flüssigmachung und Popularisierung der wissenschaftlichen, künstlerischen und technischen Ergebnisse, nicht für die geschäftliche Praxis, sondern für die Befriedigung und Förderung der allgemeinen Bildung zur Aufgabe. […] Denn jene allgemeine Bildung ist nichts Geringeres als die humane Bildung, welche das Individuum innerhalb des Culturlebens seiner Zeit erlangt, die für ihren Ausgangspunkt die Berufsbildung voraussetzt und, wie den intellectuellen so den moralischen Menschen umfassend, als der Quellpunkt socialer und nationaler Kraft und Entwicklung betrachtet werden muß“

Mit der 21. Auflage 2005-2006 „Brockhaus. Enzyklopädie in 30 Bänden“ zuzüglichen  Zusatzmaterialen (DVD) enden die Veröffentlichungen in Buchform. Das Unternehmen kündigte am 11. Februar 2008 an, dass die 21. Druckausgabe der Brockhaus Enzyklopädie von 2006 die letzte Buchausgabe war.

Auf Grund des digitalen Zeitalters erschien 2002 die Enzyklopädie erstmalig in digitaler Form. Diese Ausgabe enthielt 260.000 Artikel mit 330.000 Stichwörtern, ca. 26 Millionen Wörtern und 14.500 Abbildungen.

Marktanalysen belegten, dass die Kunden Sachinformationen vorzugsweise online nachschlagen. Das Ende der umfassenden Bücherreihe steht auch im Zusammenhang mit der Bedeutung von Wikipedia. Wikipedia wurde zum ernsthaften Konkurrenten, da sich im Internet die Such-Begriffe deutlich schneller erschließen lassen. Möglicherweise sind die Brockhaus Reihen für spezielle Zielgruppen noch interessant, da Wikipedia als Quelle für wissenschaftliche Hausarbeiten bzw. Bachelorarbeiten nicht überall anerkannt wird.

Das neue Brockhaus Taschenlexikon in 24 Bänden, konzeptioniert als ideale Wissensbegleiter für Schüler, Studenten und junge Familien, enthält 150.000 Stichwörter.

Neben der Brockhaus Enzyklopädie bietet der Verlag Kinderbücher, Sachbücher, Wörterbücher, Apps und E-Books an. Auf der Brockhaus-Webseite finden sich zahlreiche Buchtipps und Informationen zu den eignen Büchern, zum Beispiel „Brockhaus Scolaris Lernspaß in Kindergarten und Vorschulen“.

Quellen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Brockhaus_Enzyklop%C3%A4die#Chronik_der_Ausgaben

http://brockhaus.de/


 

Wikipedia

Bezug zum Manuskript/Audio: S. 2, S 3, S. 4, S. 5, S. 6, S. 7, S. 8, S. 9, S. 10, S. 11, S. 12, S. 14, S. 15, S. 16, S. 17, S. 18, S. 19, S. 20, S. 21 / 00:30, 00:59. 01:32, 01:42, 01:57, 02:38, 03:05, 03:13, 04:17, 04:51, 05:18, 05:46, 06:23, 07:14, 07:45, 08:05, 08:27, 09:20, 10:50, 11:23, 11:33, 12:39, 13:14, 13:47, 14:10, 14:53, 15:01, 15:54, 16:15, 17:15, 17:59, 19:17, 19:45, 20:31, 21:06, 21:19, 22:30, 22:47, 24:18, 25:03, 26:14

 

Wikipedia

Bei Wikipedia handelt es sich um ein am 15.01.2001 gegründetes Projekt zur Erstellung eines Online-Lexikons aus freien Inhalten, das von freiwilligen und ehrenamtlichen Autoren gestaltet wird. Der Name Wikipedia setzt sich aus dem hawaiischen Wort für „schnell“ und dem englischen Wort für „Enzyklopädie“ zusammen. Schnelligkeit, Aktualität und permanente Veränderung lassen sich als spezifische Charaktereigenschaften von Wikipedia bezeichnen.

Entscheidend für die breite Akzeptanz der Nutzer ist, dass es keiner Installation bedarf, die Handhabung einfach ist und Veränderungen sehr schnell getätigt werden können, da mit Hilfe von Editoren gearbeitet werden kann und somit keine Software-Kenntnisse notwendig sind. Wikipedia basiert auf dem Wiki(Media)-Programm, mit dessen Hilfe man die Inhalte von Webseiten nicht nur lesen, sondern auch direkt im Webbrowser bearbeiten kann. Mit diesem Programm sind die Seiten leicht zu verändern und es sind keine technischen Vorkenntnisse nötig.

Zum größten Teil wird Wikipedia ehrenamtlich geleistet. Wikipedia ist somit auch ein Ausdruck einer neuen Form von bürgerschaftlichem Engagement. Ohne finanzielle Entschädigung sind Menschen bereit, Texte für die virtuelle Enzyklopädien zu schreiben, sich für eine Idee zu engagieren. Wesentliches Kennzeichen von Wikipedia ist die Online-Bearbeitung, die intuitive Nutzung und die einfache Vernetzung. Inhalte können einfach und schnell bearbeitet werden. Ein weiteres Charakteristikum ist Offenheit. Das Schreiben und Redigieren der Texte erfolgt durch die Nutzer. Die jeweiligen Seiten können von allen angeschaut, erweitert, geändert, kommentiert, gelöscht und editiert werden. Da jeder einzelne Schritt zurückverfolgt werden kann, geht keine Information verloren. Der Teilnehmer wird zum aktiven Nutzer und Gestalter der Webseite.

Die Idee, das Internet zur Entwicklung einer Enzyklopädie zu verwenden, ist schon seit 1993 die Idee verschiedener Pioniere des Internets. Jedoch kamen Projekte wie Interpedia (1993) von Rick Gates und GNUPedia (1999) von Richard Stallman entweder erst gar nicht über den Planungsstatus hinaus oder erreichten nicht den angestrebten Erfolg. Im März 2000 startete Jimmy Wales zusammen mit Larry Sanger das Projekt einer englischsprachigen Internet-Enzyklopädie, die Nupedia. Der Redaktionsprozess war noch stark an die bisherigen Vorgehensweisen angelehnt, das bedeutet, dass man Beiträge nicht direkt im Webbrowser bearbeiten konnte. Ende 2000/Anfang 2001 wurden sie auf das Wiki-System aufmerksam.

Am 15.01.2001 war die eigenständige Adresse wikipedia.com abrufbar, was seither als die Geburtsstunde der Wikipedia gilt. Ende 2001 war Wikipedia bereits in 18 Sprachen (darunter auch Deutsch) verfügbar. Anders als herkömmliche Enzyklopädien ist Wikipedia kostenlos im Internet erhältlich und jeder darf die Texte und Bilder unter Angabe der Autoren und der freien Lizenz kopieren und verwenden. Heute gehört Wikipedia zu den TOP 10 der Websites weltweit. Das Marktforschungsinstitut Alexa platziert Wikipedia auf dem sechsten Platz der meistgenutzten Internetseiten weltweit, in Deutschland steht sie an achter Stelle (http://www.alexa.com/siteinfo/wikipedia.org)

Aktuell beinhaltet Wikipedia 13 Millionen Artikel in mehr als 240 Sprachen, mehr als 1,2 Millionen Artikel sind allein auf Deutsch verfügbar.

Quellen:

de.wikipedia.org/wiki/Wiki

de. Wikipedia.org/wiki/Wikipedia


 

Christian Stegbauer: Wikipedia: Das Rätsel der Kooperation

Bezug zum Manuskript/Audio: S. 9, S. 10 / 10:01, 10:13

Wikipedia ist heutzutage sicherlich der Inbegriff der Möglichkeit einer schnellen und kurzweiligen Informationssuche und -recherche. Außer Acht bleibt in diesem Kontext allerdings häufig, dass das Prinzip, welches hinter Wikipedia steckt, sich in Form eines Mitmachlexikons offenbart, wobei die Autoren für ihre Bemühungen nicht bezahlt werden. Noch dazu können sie häufig auch nicht auf Reputationen hoffen, da ihre Arbeit in der Regel anonym verläuft.

Stegbauer setzt sich in seinem Buch „Wikipedia: Das Rätsel der Kooperation“ mit der Fragestellung auseinander, aus welcher Motivation heraus Menschen dazu veranlasst werden, trotz alledem freiwillig zu kollaborieren. Dabei vertritt er die Ausgangshypothese, dass hierbei ein positionales System zum Tragen kommt, welches Verhaltensweisen in Bezug auf vermutete Erwartungshaltungen reguliert. Stegbauer bringt in diesem Zusammenhang das Beispiel an, dass bei Wikipedia Begrüßungsnachrichten, selbst dann, wenn sie hochstandardisiert seien, diese Funktion übernehmen können. Durch sie könne es gelingen, neue Teilnehmer zu integrieren und zu einer weiteren Mitarbeit zu veranlassen.

Einschränkend fügt der Autor jedoch auch hinzu, dass es eine Vielzahl von Beispielen gibt, innerhalb derer dieses System nicht greift, etwa dann, wenn ein Neuling einen Bericht verfasst, der von „Vandalenjägern“, wie Stegbauer sie nennt, sofort wieder gelöscht wird oder dann, wenn ein Beitrag eines Teilnehmers keine Berücksichtigung findet. Hieran zeigt sich, dass das positionale System durchaus seine Grenzen hat.

Überraschend mag sein, dass Stegbauer hinsichtlich der Motive zur Mitwirkung bei Wikipedia einen deutlichen Strukturwandel feststellt. Zu erwartende Anreize in Form des Zusammenwirkens als eine „Schwarmintelligenz“ sind demnach immer weniger von Bedeutung. An ihre Stelle tritt eine Produktionslogik, welche auf das Ziel ausgerichtet ist, ein Lexikon zu erschaffen, das im Wettbewerb mit seinen kommerziellen Konkurrenten Bestand hat. Diese Neuausrichtung hat jedoch auch direkte Auswirkung darauf, wie sich die Mitarbeit innerhalb des „Mitmachlexikons“ gestaltet. So bildet sich die deutliche Tendenz ab, dass die „Ruderführung“ über die Wikipedia-Einträge einer überschaubaren Gruppe obliegt, welche Regulationen und Richtungsweisungen vornimmt und sich zudem gegenüber neuen Mitgliedern abgrenzt und deren Mitarbeit erschwert. „In seiner heutigen Form erscheint die Struktur von Wikipedia deshalb als ein Nebeneinander oligarchischer, demokratischer und anarchischer Formen; ein System, das sich in ständigen Reputations- und Rollenkämpfen stabilisiert, aber doch über ein zentrales Ordnungsprinzip verfügt: den Fleiß.“, so Thiel. Wer diesen Strukturwandel nicht akzeptieren kann und will und auf ehemalige Ideale pocht, muss sich als Störfaktor zermürbenden Diskussionen stellen und wird vermutlich am Ende „sein Heil in der Flucht suchen“. Für die Übrigen gilt, dass sie ihre individuelle Anfangsmotivation den neu ausgerichteten Zielen anpassen (müssen), um innerhalb der Autorenschaft bestehen zu können.

Stegbauer deklariert, dass diese Beobachtungen im Zusammenhang mit Wikipedia durchaus auf andere Situationen übertragbar seien, in denen man auf Helfer angewiesen sei. Dementsprechend gebe es beispielsweise ein potentiell hohes Maß an Bereitschaft  sich zu engagieren bei der Bevölkerung. Vielen ist daran gelegen, in ihrer Freizeit dem Gemeinwohl nützlich zu sein. Zweifelsohne werden hier keine Kosten-Nutzen-Rechnungen vorgenommen. Die große Schwierigkeit besteht jedoch darin, überhaupt erst einmal den Kontakt mit einschlägigen Organisationen herzustellen, um somit vom Beobachter zum Teilnehmenden werden zu können. Hieran wird deutlich, dass ein Positionswechsel von Nöten ist, der sich allerdings häufig nicht ohne weiteres herstellen lässt. Bei Wikipedia gestaltet sich demgegenüber der Zugang relativ einfach und niedrigschwellig, weil es über ein hohes Maß an Popularität verfügt. Zurzeit kann Wikipedia auch entsprechend noch auf stabile Teilnehmerzahlen zurückgreifen. Dennoch wagt Stegbauer die Prognose, dass das Wachstum von Wikipedia entgegen einer weitläufigen Überzeugung durchaus begrenzt sei und die Plattform mit denselben Schwierigkeiten zu rechnen haben werde, wie es auch bei anderen Freiwilligenorganisationen der Fall sei.

Quellen:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/christian-stegbauer-wikipedia-wissen-im-kleinen-zirkel-1839923.html

http://link.springer.com/content/pdf/10.1007%2F978-3-531-91691-0_18


 

Glossar

Editwar

Bezug zum Manuskript/Audio: S. 18 / 19:58

Man spricht von Editwar (dt.: Bearbeitungskrieg), wenn unterschiedliche Bearbeiter eines Textes (z.B. bei Wikipedia) miteinander in Konkurrenz treten, um ihre persönliche inhaltliche Einschätzung zu den Themen durchzusetzen. In der Praxis sieht das z.B. so aus, dass ein Autor einen Text zu einem umstrittenen Thema ausschließlich aus seiner Perspektive verfasst. Andere Nutzer können dann Änderungen an dem Text vornehmen, um den Sachverhalt an ihre Sichtweise anzupassen. Wenn dann der erste Autor diese Änderungen rückgängig macht („revertiert“) und ohne Diskussion oder Erweiterung des Themas Korrekturen an den unterschiedlichen Ansichtsweisen vornimmt, um seinen eigenen, ursprünglichen Text wiederherzustellen, spricht man von einem Editwar. Wenn zwei oder mehrere Administratoren abwechselnd einen Artikel löschen und wiederherstellen, wird dies als „Löschkrieg“ (Deletion-War) bezeichnet.

Die FAZ verweist auf einen latenten Konflikt bei den Nutzern. Ein Teil wird als Inklusionisten bezeichnet. Sie vertreten die Auffassung, so viele Informationen wie möglich in Wikipedia aufzunehmen. Denen gegenüber stehen die Exklusionisten. Bei ihnen steht das Ziel im Vordergrund, Regeln zu finden für die Relevanz von Begriffen. Sie halten es für notwendig, sich damit auseinanderzusetzten, ob ein ein Begriff wichtig genug ist, um Eingang in die Enzyklopädie zu finden.

Quellen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Edit-War

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/edit-war-auf-wikipedia-die-lotsen-bleiben-an-bord-16331.html

 

Instrumentelle Aktualisierung

Bezug zum Manuskript/Audio: S. 19 / 21:06

Die Qualität und Neutralität eines Textes kann entscheidend beeinflusst werden, indem relevante Fakten strategisch platziert werden (z.B. gleich zu Beginn oder ganz am Ende des Textes). Nachrichten können somit über- oder unterbewertet werden, oder ganz außen vor gelassen werden. Die Theorie der „instrumentellen Aktualisierung“ geht auf Hans Mathias Kepplinger zurück. Er erweiterte mit seinem Konzept das bis zu diesem Zeitpunkt dominierende Gatekeeper-Nachrichtenselektionsmodell um eine weitere Dimension. Er differenziert in Selektions-, Inszenierungs- und Aktualisierungsmodelle und beschäftigtes sich mit dem jeweiligen Verhältnis von Realität und Realitätsdarstellung in diesen Modellen.

Im Selektionsmodell agieren Journalisten neutral, apolitisch und passiv. Im Inszenierungsmodell enthält die Berichterstattung geschickte Inszenierungen. Im Aktualisierungsmodell werden Ereignisse gezielt und zweckgerichtet genutzt. Nach diesem Verständnis sind Nachrichtenfaktoren die Folgen der Entscheidung von Journalisten.

Literatur:

Heinz Pürer: Publizistik und Kommunikationswissenschaft. Konstanz 2003, S. 134

Quelle: http://home.arcor.de/handballlstar/auswahl.htm

 

Wikimedia Foundation

Bezug Manuskript/Audio: S. 4 / 03:23, 03:35, 03:55, 04:40

WikimediaFoundation

Die Wikimedia Foundation ist eine Nonprofit-Organisation, die hinter Wikipedia und anderen Wiki-Projekten (Wiktionary, Wikiquote, Wikinews, Wikiversity u.v.m.) steht und diese betreibt. Der Wikipedia Gründer Jimmy Wales startete die Wikimedia Stiftung im Jahr 2003 mit dem Ziel, „freies Wissen“ zu sammeln, entwickeln und weltweit kostenlos zu verbreiten. Die Stiftung mit ihren 163 Angestellten wird über Spenden finanziert. Wikimedia versteht sich als eine weltweite Bewegung, da die Inhalte durch die aktive Teilnahme von Freiwilligen rund um den Globus geleistet werden. Mithilfe eines im Jahr 2010 erarbeiteten Fünf-Jahres-Planes bezweckt die Organisation eine Ausbreitung des Wissenszugangs für 1 Milliarde Menschen weltweit und eine Erhöhung der Zahl der frei verfügbaren Artikel auf 50 Millionen. Hierbei soll vor allem die Gestaltung und Qualität der Inhalte verbessert werden.

Quellen:

http://wikimediafoundation.org/wiki/Home

http://en.wikipedia.org/wiki/Wikimedia_foundation

http://de.wikipedia.org/wiki/Wikimedia


 

Interviewte

Thomas Roessing

Bezug zum Manuskript/Audio: S. 2, S. 16, S. 17, S. 18, S. 19, S. 21 / 01:32, 01:42, 01:57, 17:44, 17:59, 18:37, 18:56, 19:17, 19:45, 21:18, 26:14.

ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Publizistik an der Uni Mainz und Mitglied der deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK). Er betreibt mehrere Webseiten (http://www.trgsites.de/), u.a. die Seite Meinungsklima.de. 2009 erhielt er den DGPuK-Zeitschriftenpreis 2009 für die besten Aufsätze des Jahres 2008 in „Publizistik“ und „Medien & Kommunikationswissenschaft“ (3. Preis, gemeinsam mit Thomas Petersen und Nikolaus Jackob) für den Beitrag „Strukturen der Wirkung von Rhetorik. Ein Experiment zum Wirkungsverhältnis von Text, Betonung und Körpersprache. In: Publizistik, Heft 2/2008, S. 215-230“.

Quellen:

http://www.ifp.uni-mainz.de/309.php

http://www.meinungsklima.de/index.php?title=Hauptseite

 

Christian Stegbauer

Bezug zum Manuskript/Audio: S. 2, S. 4, S. 11, S. 12, S. 14, S. 18, S. 20, S. 21 / 00:30; 00:45, 00:59, 03:55, 11:33, 12:19, 14:10, 15:01, 15:54, 16:15, 19:17, 22:47, 25:03

absolvierte ein Grundstudium in der Sozialpädagogik sowie ein Studium der Soziologie, Sozialpsychologie, Statistik und Wirtschaftsgeographie in Frankfurt. Danach war er als Projektmitarbeit an der TU Darmstadt angestellt und hatte eine Stelle als Statistiker bei Nielsen-Marketing Research inne. Zudem war Stegbauer Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Assistent an der Universität Frankfurt. Er nahm außerdem Lehrstuhlvertretungen an den Universitäten Jena, Siegen und Frankfurt wahr. Seine Interessensgebiete beziehen sich auf folgende Bereiche: Soziale Netzwerkanalyse, Medien- und Kommunikationssoziologie, Mikrosoziologie, Organisation, Wissenschafts- und Techniksoziologie, Grundlagen der Soziologie: Gruppenprozesse und Fundierung von Handlungen.

Quelle: http://www.soz.uni-frankfurt.de/agsi/stegbauer.htm

 

Alice Wiegand

Bezug zum Manuskript/Audio: S. 3, S. 4 / 03:05, 03:13, 03:30

ist persönliche Referentin des Bürgermeisters von Meerbusch. Zuvor betrieb sie die IT-Abteilung von Meerbusch als Spezialistin für Systemadministration im öffentlichen Sektor. Sie ist über Umwege zu ihrer derzeitigen Beschäftigung gelangt. Ursprünglich studierte sie Wirtschaftswissenschaften. Sie machte eine Ausbildung in der Software-Entwicklung und durchlief ein Traineeprogramm für den deutschen höheren Dienst. Vor kurzem hat sie ihren Master in Staatswissenschaften absolviert.

Quelle: http://wikimediafoundation.org/wiki/Board_of_Trustees


 

 

2 Antworten auf Zusatzmaterial zum Thema 19

  1. Pingback: Wem gehört die Wikipedia? | Funkkolleg 2012/2013

  2. Spree sagt:

    Vielen Dank für die interessanten Hinweise.

    Als Hochschullehrerin bemühe ich mich darum für die Studierenden nachvollziehbar zu erklären, warum ein kommentarloser Link als Quellenhinweis auf eine Webquelle im Kontext des Lernens und Lehrens nicht ausreicht und jede Webquelle zumindest mit Urheber, Titel und Datum gekennzeichnet werden sollte.
    – Den Studierenden leuchtet immer sehr schnell ein Argument ein: die Chance der Wiederauffindbarkeit einer Quelle, z. B. wenn sich die URL verändert, was ja im Web häufig der Fall ist, ist wesentlich höher.
    Schade, dass – dann auch noch ausgerechnet in einem Abschnitt über Wissensorganisation – der Unart nur den Link zu zitieren Vorschub geleistet wird.
    Im Unterricht sind Ihre Materialien aus diesem Grunde wegen der negativen Beispielfunktion nur schwer einsetzbar.

    Gruß
    Ulrike Spree

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